Angst und Vorurteil überwinden

Zerborstene Fensterscheiben, mit Hetzparolen beschmierte Eingangstüren, weithin sichtbare, brennende Hakenkreuze. Die Kriegsgeneration kennt diese Vorboten des Hasses. Sie kennt auch die späteren Verbrechen. Sie hat die Unmenschlichkeiten des NS-Terrors miterlebt, geduldet, bekämpft oder mitgetragen und schlussendlich überstanden und überlebt. Wir, die Nachkriegsgeborenen, wissen nur darüber. Haben über die Gräuel und die Millionen Opfer nur gelesen und gehört. Kennen die Bilder von den nackten Leichenbergen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern aus Schwarz-Weiß-Dokumentationen. Manche von uns haben aber eventuell die eigenen Eltern oder Großeltern nie kennen gelernt, weil diese durch den NS-Rassenwahn den Tod fanden. Andere hatten möglicherweise Täter in der Familie, die Massenerschießungen veranlaßt, diese durchgeführt oder das tödliche Giftgas in die Kammern eingeleitet haben. Damit sind wir alle ein Teil dieser Geschichte und haben auf diese Weise eine Verantwortung zu tragen – nicht gegenüber der Vergangenheit, sondern gegenüber einer freien und gerechten Gegenwart sowie Zukunft.

Historiker Andreas Praher

Historiker Andreas Praher

„Die meisten Menschen in dieser Zeit schauten zu, schauten weg“, schreibt der Salzburger Historiker Ernst Hanisch im ersten Band der Publikationsreihe „Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus“. Aber warum schauten sie zu, warum schauten sie weg? Aus ähnlichen, wenn nicht gleichen Gründen wie heute. Weil es die Menschen belastet, sie überfordert und weil es unbequem werden kann. Die Gesellschaft sollte deshalb vorher handeln und aktiv werden, ehe es unbequem und die Zustände ungerecht und unmenschlich werden. Sie sollte den Mut besitzen, Angriffe auf die Freiheit und Menschenwürde klar zu verurteilen und diesen Angriffen offen entgegen treten.

Wenn ein Euthanasie-Mahnmal, wie jenes im Salzburger Kurgarten, zerstört wird, ist es nicht nur ein Anschlag auf die Erinnerungskultur. Es ist ein erneuter Anschlag auf jene Menschen, die durch einen gewaltsamen Tod ihr Leben lassen mussten und ein Affront gegenüber ihren noch lebenden Angehörigen.

Egal ob die jüdische Synagoge in der Lasserstraße beschmiert wird oder das Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus auf dem Kommunalfriedhof, die Salzburger Bevölkerung muss sich bewusst sein, dass beides in der Vergangenheit mehrmals geschehen ist und nicht kommentarlos geduldet werden kann, ebensowenig wie die Verschandelung dutzender Stolpersteine, die an NS-Opfer erinnern. Denn rechtsextremistisch motivierter Terror, egal wie dieser begründet ist, hat zu keiner Zeit eine Berechtigung. Anschläge radikal-islamistischer Gruppierungen dürfen dabei ebensowenig als Erklärung herangezogen werden, um diese rechtsextremen Taten und ihre Bedeutung herabzusetzen oder gar zu beschönigen.

einklares zeichen

Wenn jetzt Salzburger Ex-Neonazis Aussteigern aus der rechtsextremen Szene helfen wollen, zeigt dies nicht nur einen Lernprozess. Es beweist gleichzeitig Mut und die Bereitschaft irrationale Feindbilder abzulegen und diese ins Positive umzukehren. Wenn dies einzelne Menschen schaffen, kann es auch eine Gesellschaft. Sie muss sich nur trauen und offen genug sein. Und sie muss eines, Vielfalt zulassen. Deshalb „88 gegen rechts“. Um bewusst zu machen, dass jede einzelne Bürgerin, jeder einzelne Bürger, einen Beitrag zu einem besseren Miteinander leisten kann. Einem Miteinander, bei dem Auseinandersetzung mit dem Gegenüber Angst und Vorurteil überwindet.

 

von Andreas Praher.

 

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