Veronikas Tag oder Ein Tag mit einer Sozialarbeiterin

Tobias Fuchslechner und Christoph Netzer studieren KoWi – Kommunikationswissenschaften.
Dabei lernt man jede Menge, unter anderem auch wie eine Methode namens “Storytelling” funktioniert. Beim Storytelling wird eine Geschichte erzählt, und die Zuhörerinnen und Zuhörer aktiv ins Erzählen eingebunden. Damit soll man sich die erzählten Inhalte besser merken können und besser verstehen. Storytelling ist lustig und unterhaltsam, aber nicht nur das. Es ist auch eine gute Methode in der Bildungsarbeit und um so manche Konflikte zu lösen.

Tobias und Christoph haben im Wintersemester 2015/16 eine Lehrveranstaltung zum Thema “Storytelling” besucht. Sie waren mit Veronika unterwegs. Was ihnen Veronika so erzählt hat, könnt ihr hier nachlesen:

Ein Tag mit Veronika

„Das war echt das erste Mal, dass ich jemanden für längere Zeit von unseren Aktionen sperren musste. Schade, dass es überhaupt so weit gekommen ist“, überlegt Veronika. Sie sitzt gerade auf dem Fahrrad und ist auf dem Weg in die Arbeit; das ist für sie eigentlich immer eine gute Zeit, um über verschiedenstes nachzudenken. Veronika ist Sozialarbeiterin in Salzburg und arbeitet für das Projekt Streusalz als Betreuerin in der mobilen Jugendarbeit.

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Der Vorfall, der sie gerade beschäftigt, ist schon einige Zeit her und fand während einer ihrer Aktionen, dem offenen Turnsaal, statt. Der Junge, um den es geht, hatte sich schon über längere Zeit im Turnsaal ziemlich schlecht benommen und herum gestänkert, wodurch Veronika nichts anderes übrig blieb, als ihn vor die Tür zu setzen. Leider musste Veronika ihn mit körperlichem Einsatz raus bringen, da mit ihm einfach nicht zu reden war. Der Jugendliche trat daraufhin mehrmals gegen die Tür des Turnsaals und warf auch mit Steinen gegen die Fenster. Veronika blieb daher keine andere Möglichkeit, als ihn für längere Zeit für alle ihre Aktionen zu sperren. „Zum Glück“, findet Veronika, „ haben die Aktionen und das Jugendzentrum bei den Jugendlichen einen so hohen Stellenwert, dass die Maßnahme der Sperre oder deren Androhung sehr wirksam ist und nur ganz selten zum Einsatz kommen muss.“

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Der Alltag mit den Jugendlichen

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So beginnt also Veronikas Arbeitstag und so wird er auch enden, wenn sie sich abends wieder auf ihr Fahrrad schwingt, um nach Hause zu fahren – dann wird sie allerdings etwas anderes beschäftigen, doch dazu kommen wir dann noch. Im Allgemeinen läuft Veronikas Tag ohne größere Konflikte ab. Ihr Job ist eigentlich sehr flexibel und vielfältig, da die Unternehmungen immer von den Jugendlichen und ihren Bedürfnissen bzw. Wünschen abhängig sind. Dazu können Kochen, Fifa spielen, Tischtennis oder Musik machen gehören – je nachdem, worauf die Kids gerade Lust haben und was im JUZ möglich ist. Zusätzlich hat Veronika auch bestimmte Fixpunkte in ihrer Woche: offener Turnsaal und Aufgabenbetreuung in der NMS Lehen, offene Boulderhalle im Stadtwerk Lehen sowie abendliche Rundgänge, wo sie beliebte Treffpunkte der Jugendlichen besucht und im Fall von zu viel Tumult eingreift.

Gemeinsame Aktivitäten und das falsche Bild von Lehen

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Außerdem werden immer wieder Ausflüge wie Bowling, Kino oder Schwimmen organisiert, was zu den Highlights der Jugendlichen zählt. Natürlich ist jegliche Aktion immer freiwillig und die Jugendlichen können kommen und gehen, wann sie wollen und sind nicht verpflichtet, dabei zu sein. Und genau diese Freiheit der Jugendlichen macht den Reiz für Veronika aus, da man nie genau weiß, wer kommt und was passiert. So kann es sein, dass nur 2 oder 3 Leute im offenen Turnsaal sind und ein paar Körbe werfen; genauso gut kann passieren, dass 25 Leute in der Boulderhalle stehen und beschäftigt werden möchten. Es lässt sich also unschwer erkennen, dass Veronika einen sehr abwechslungsreichen und interessanten Job hat. Vor allem fühlt sich Veronika in ihrer Entscheidung zur Jugendarbeit bestätigt, indem sie immer mehr Vertrauen von den Jugendlichen spürt, die mittlerweile auch mit wirklich persönlichen und ernsthaften Problemen auf sie zu kommen. Allgemein findet Veronika, dass Lehen in einem viel schlechteren Licht präsentiert wird, als es wirklich der Fall ist. Sie hat oft das Gefühl, dass wenn einmal etwas passiert, jede Zeitung darüber schreibt und andere Viertel, in denen eigentlich viel mehr geschieht, bei weitem nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

 

Das Lärmproblem

Wenn Veronika Konflikte zu schlichten hat, dann haben diese eigentlich immer mit Lärm in Wohngegenden zu tun. „Immer wieder kommt es vor, dass ich auch zwischen Parteien – das heißt zwischen Jugendlichen und Bewohnern/Anrainern – vermitteln muss“, erzählt Veronika. Der Grund dafür liegt oft in der Lärmentwicklung, der ganz natürlich entsteht, wenn einige Personen zusammen sind und miteinander reden, Musik hören usw.

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Des Öfteren gab es bisher schon Probleme mit den Anrainern, die in der Nähe beliebter Treffpunkte für Jugendliche wohnen und sich – vor allem abends – gestört fühlen. „Grundsätzlich“, erklärt Veronika, „ist es natürlich klar, dass ein gewisser Lärmpegel eingehalten werden müssen, das ist auch den Jugendlichen klar. Aber ich glaube, dass es jedem schon mal passiert ist, dass es ein bisschen zu laut geworden ist.“

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In vielen Fällen lässt die Architektur von Gebäuden einfach eine starke Lärmentwicklung zu oder begünstigt sie sogar – so etwa im Stadtwerk Lehen. Hier wurden die Gebäude sehr eng zueinander gebaut, immer wieder sieht man Säulen, die sich als Lärmträger unheimlich gut eignen, und auch die Fassade, die aus Kunststoffplatten besteht, dient nicht wirklich der Lärmdämmung. Auch der für die Jugendlichen errichtete Fußballkäfig in der Nähe des JUZ birgt immer wieder Konfliktpotenzial. Mittlerweile hat die Stadt Salzburg dafür gesorgt, dass die Kids nur noch bis 20:30 den Käfig benutzen dürfen. Für die Einhaltung der Zeiten ist Veronika zuständig – und trifft bei der Umsetzung auf Seiten der Jugendlichen immer wieder auf Unverständnis. Dies sei natürlich verständlich, da normalerweise die Nachtruhe ja erst ab 22:00 gelte und vor allem im Sommer die Jugendlichen gerne länger spielen würden.

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Diese Thematik wiederholt sich eigentlich an verschiedenen Orten in Lehen und Veronika versucht durch abendliche Rundgänge, wo sie die „Hot Spots“ abgeht, mögliche Auseinandersetzung von vornherein zu verhindern. Meistens lassen die Jugendlichen sehr gut mit sich reden und sehen auch ein, dass sie zu laut waren.

 

Streusalz – ein Pilotprojekt mit Zukunft

Die Wichtigkeit eines Projektes wie „Streusalz“ ist eigentlich ganz offensichtlich, da Probleme eben nicht nur in den betreuten Einrichtungen aufkommen, sondern vor allem im unmittelbaren Lebensumfeld, in dem es zum Kontakt mit Außenstehenden kommt. „Streusalz“ wurde 2009 von der Stadt Salzburg als ein Pilotprojekt gestartet. Für 7 Stadtteile wurde je ein/eine Sozialarbeiter/in für 20 Stunden in der Woche engagiert, welche sehr eng mit den stationären Experten im jeweiligen Stadtteil zusammenarbeiten. Es lässt sich schwer sagen, wie viele Jugendliche regelmäßig an den Aktivitäten teilnehmen, da dies sehr stark variiert. Die einzige Einschränkung ist das Alter: Die Teilnehmer dürfen nicht jünger als 12 und nicht älter als 20 Jahre sein.

Zwischenfall bei „Mitte Lehen“

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Und mit eben so einem Lärmkonflikt soll Veronikas Tag heute enden. Sie befindet sich gerade auf ihrem abendlichen Rundgang durchs Viertel, als ihr Handy klingelt. Am anderen Ende spricht ein Mann, den sie sofort an seiner Stimme erkennt. Es ist der Sprecher der Anwohner der Mitte Lehen. Mit verärgerter Stimme erklärt er ihr, dass es schon wieder viel zu laut bei ihnen sei. Daraufhin legt er auf und Veronika macht sich auf den Weg zum Ort des Geschehens. Dort angekommen trifft sie auf einen wütenden Anrainer, welchen sie nicht als den Sprecher erkennt, und auf nicht weniger wütende Jugendliche. Ein paar Schimpfworte werden gegenseitig ausgeteilt und die Anwesenheit des Anrainers hat nicht wirklich für mehr Ruhe gesorgt. Veronika schreitet sofort zur Tat und beginnt zu vermitteln. Da sie schon sehr viel Erfahrung mit Konflikten dieser Art gesammelt hat, weiß sie nicht nur wie sie auf die Jugendlichen, sondern auch auf den Anrainer einzugehen hat. Mit aller Ruhe geht sie auf beide Seiten ein und bekommt die Situation sehr schnell unter Kontrolle. Die Jugendlichen sehen ein, dass sie sich ruhiger verhalten sollen, und auch der Anrainer entschuldigt sich für seine extreme Reaktion. Es kommt sogar zum Handschlag zwischen den Streithähnen. Normalerweise führt der Sprecher mit den Jugendlichen das Gespräch und konnte schon des Öfteren ohne Veronikas Hilfe die Situation lösen. Und so endet Veronikas Arbeitstag, und wie schon zuvor versprochen hat sie wieder etwas zum Nachdenken für den Heimweg. Natürlich auf ihrem Fahrrad.

Hier sind die Links zum Nachhören:

https://www.youtube.com/watch?v=5zoAZDRnUnw&feature=youtu.be

https://www.youtube.com/watch?v=TNOLRirGQz0&feature=youtu.be

Tobias und Christoph, danke für die Begleitung von Veronika

2 Comments

  1. Wolfgang Krainer

    Gratulation zu dem tollen Artikel, hatte auch schon einmal ein wenig Ärger wg. der zu lauten Kids und schätze die Vermittlung durch die Sozialarbeiterin (Brücken bauen) als sehr wichtig ein!

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